Wider das Lamento über die "Facebook Filter Bubble"

Facebook trägt, so höre ich es allenthalben in den letzten Tagen, an allem Denkbaren Schuld. Facebook soll für den Wahlausgang in den USA verantwortlich sein. Facebook hat Teile seiner Nutzer gestern versehentlich in den Memorial State versetzt. Aber vor allem: Facebook, heißt es, manipuliere uns alle. Weil es uns in die sogenannte Filter Bubble versetzte.

Filter Bubble, ich kann den Begriff überhaupt nicht leiden, heißt: Wir bekommen nur noch das mit, was unseren Interessen entspricht und unseren Überzeugungen. Weil der Filter-Algorithmus von Facebook gewährleistet, dass wir stets mit dem versorgt werden, was uns voraussichtlich gefallen wird.

Was ich wirklich nicht verstehe: dass viele gewichtige Menschen und Facebook-Intensivnutzer über die empfundene “Filter Bubble” jetzt klagen.

Selbstverständlich filtert Facebook, und es ist doch völlig klar, dass ein Social Network, das auf Datenerhebung und auf Ausspielen von Werbung entsprechend der erhobenen Daten basiert, so funktioniert. Facebook ist nichts anderes als eine sich selbst auf unsere aktuellen Bedürfnisse optimierende Unterhaltungsmaschine. Es ist eine Software, ein Programm, ein Unternehmen dahinter, nicht mehr.

Es ist darauf angelegt ausgerichtet, uns möglichst ideal und lange zu binden, uns gut zu unterhalten, uns alle Möglichkeiten zur Kommunikation zu geben – und im besten Fall ein wenig an uns zu verdienen, weil es dann eben auch Werbung einblendet. Die passende Werbung möglichst.

Jetzt so zu tun – dieses Lamento! – als ob Facebook und seine “Filter Bubble” für den Ausgang der USA-Wahlen verantwortlich seien: das ist naiv. So zu tun, als ob Facebook dafür Verantwortung trüge, dass wir alle immer mehr in unserem eigenen Saft schmoren und uns nicht mehr von erfrischenden, abweichenden Meinungen Dritter inspirieren lassen: das ist kurzsichtig.

Auch: Darüber zu klagen, dass es auf Facebook so viel Hate Speech gibt und dass dagegen so wenig unternommen wird – fadenscheinig. Gerade wir selbst, die Social-Media-Plattformen als neue Freiheit und Revolution ausgerufen hatten (“Märkte sind Gespräche”) tragen mit den größten Teil der Verantwortung dafür, dass es jetzt wirklich so ist. Ja, der Marktplatz der Meinungen, der besteht aus Gesprächen, und durch den Hype der Social-Media-Plattformen hat es sich so manifestiert, dass einige Unternehmen, zuvorderst Facebook, diesen Cluetrain Bullshit auch montetarisieren. Und dazu gehören eben leistungsfähige Algorithmen, die Menschen – nach der Facon, die sie sich wünschen – unterhalten und mit Informationen versorgen.

Vergleichbar mit der Einführung des Privatfernsehens. Nur eben mit für die Rezipienten nicht wahrnehmbarer On-Demand-Anpassung der Inhalte.

Hindern Menschen die Methoden, mit denen zum Beispiel Facebook meinen Newsfeed bespielt, nicht eher daran, sich aus unabhängigen, vielfältigen, wirklich Querdenker-Anstöße gebenden Quellen zu informieren?

Ich glaube schon.

Ich steuere seit Jahren wieder jeden Tag die Websites renommierter Medienhäuser an (Schelme nennen sie: Mainstream-Medien). Ich besuche sie, um völlig ungefiltert und unbeeinflusst zu lesen von den Menschen, mit denen ich – teilweise aus beruflichen Gründen und daher eher opportunistisch – beispielsweise auf Facebook verbunden bin.

Ich bin froh, dass es noch Informationsquellen gibt, die nicht speziell für mich designed werden.

Daher informiere ich mich aus Quellen, die das, was sie mir präsentieren, nicht von meinem vorigen Klick-Verhalten abhängig machen. Ich suche nach neutralen Informationsquellen, wenn ich unabhängig informiert, nicht zu stark beeinflusst, generell: entscheidungs- und urteilsfähig bleiben will, was das Weltgeschehen angeht.

Und ich mühe mich redlich, auch immer öfter einfach offline zu sein.

Daher: Lamento über eine sogenannte “Filter Bubble” führt nicht weiter. Dass es dieselbe in Form von Facebook & Co. gibt, das steht außer Frage. Nur: Es liegt an uns selbst, wie ernst wir sie nehmen. Und wie weit wir uns ihr ausliefern – oder ob wir das überhaupt tun.

 

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